„Globalisierung und Medienkommunikation“ – Schlussfolgerungen für die Entwicklung des Themenbereichs

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veröffentlich in „Das Programm Politische Jugendbildung im AdB Bilanz und Ausblick“,Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB), Berlin 2017, Auszug aus dem Bericht der Projektgruppe „Globalisierung und Medienkommunikation“

…SchülerVZ existiert schon lange nicht mehr, klassisches Fernsehen spielt bei vielen gesellschaftlichen Gruppen nicht länger eine Rolle, Smartphones und das Internet der Dinge bestimmen oft unbewusst den Alltag vieler Menschen. Aber vieles ist auch gleich geblieben: Der „Breitbandausbau“ ist in vielen Orten immer noch nicht angekommen, Globalisierung sorgt für Gewinner und Verlierer entlang der Nord-Süd-Achse und das Internet gilt in der Politik als #Neuland. Die Erkenntnisse aus der Arbeit der Projektgruppe und ihre Schlussfolgerungen zum Gegenstand Medienkommunikation und Globalisierung lassen sich in neun Thesen zusammenfassen, die insbesondere in Hinblick auf zukünftige Projekte und politische Entwicklungen im Feld der politischen Bildung verstanden werden wollen.

1. Globale Perspektiven: Die Auseinandersetzung mit Globalisierung braucht globale Erfahrungen. Die Arbeit mit internationalen Akteurinnen/Akteuren und Zielgruppen kann neue Zugänge eröffnen und Perspektiven aufzeigen. Da im Rahmen der bisherigen Förderbedingungen keine internationalen Projekte möglich waren, war die Arbeit mit in Deutschland lebenden heterogenen Zielgruppen (unter Einbezug von Menschen mit Flucht-/Migrationsgeschichte) eine wichtige Voraussetzung, um das Thema umzusetzen.

2. Lebenswelten: Ausgangspunkt auch schwieriger und komplexer Themen sind die lokalen und digitalen Lebenswelten Jugendlicher. Zu einem nachhaltigen Lernprozess politischer Bildung gehört es, die Zusammenhänge zwischen den individuellen Erfahrungen und den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzuzeigen. Emotionen sollten dabei nicht unberücksichtigt bleiben und in den Bildungsprozess einbezogen werden. So eignet sich beispielsweise die Auseinandersetzung mit „Heimat“ im Sinne eines emotional geprägten Lebensraums gut, um die Beziehung zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlichen Entwicklungen aufzuzeigen.

3. Bürger/-innenschaft: Online-Partizipation in und Mitgestaltung des Internets sind keine durch Aufwachsen in der digitalen Gesellschaft erzeugten Automatismen. Sie müssen erprobt und erlernt werden. Neben infrastrukturellen und technischen Zugangsbedingungen ist die Herausbildung von aktiver Bürger/-innenschaft im Web 2.0 und in seinen Weiterentwicklungen durch politische Bildung mit und über neue Medien die Voraussetzung, um digitale Beteiligung bewusst auszuüben.

4. Herrschaftskritik: Weder die Gesellschaft noch das Internet sind offene, herrschaftsfreie Räume – und letzteres vergisst nie. Daher bedarf es eines kritisch reflektierenden Zugangs zu Medien und zur Medienproduktion. Jugendliche müssen die Möglichkeit erhalten, sich aktiv in den Diskurs um Globalisierung und Medien einzubringen, selbst Produkte zu erzeugen und zu lernen, sich kritisch mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen.

5. Geschützte Räume: Junge Menschen müssen – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – spezifische Kompetenzen erwerben, um sich sicher, selbstbewusst und reflektiert an der digitalen Gesellschaft beteiligen zu können. Dazu ist es hilfreich, dass politische Bildung öffentliche, aber auch geschützte Räume (wie etwa im lokalen Intranet) anbietet, in denen junge Menschen mit Diensten wie Artikulationsformen experimentieren können – ohne Angst vor Cyber Mobbing, Shitstorm oder dem nächsten Bewerbungsgespräch.

6. Spielen: Nach wie vor dominieren Planspiele und Simulationen die politische Bildung, in denen Teilnehmende die institutionalisierte Politik nachspielen. Oft verbleiben Spiele dieser Art im Abstrakten, knüpfen wenig an die Lebenswelten junger Menschen an und wecken kaum intrinsische Motivation zur Teilnahme. Politische Bildung muss sich trauen, auch zunächst ungewöhnliche Spielformate wie ARGs, LARPs und Mini-LARPs auszuprobieren, selbst zu entwickeln und für die Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse zu nutzen.

7. Diskursaneignung: Gesellschaft und medienvermittelte Kommunikation sind in ständiger Veränderung. Damit Politische Bildung nicht auf die Rolle der Reagierenden verwiesen bleibt, braucht es Arbeitsweisen und -formate, die den gesellschaftspolitischen wie fachwissenschaftlichen Diskurs nicht nur rezipieren (und ggf. wiederholen), sondern ihn sich aneignend aktiv mitgestalten. Dafür braucht es regelmäßige Formate der Vernetzung, des kollegialen Austauschs, der Wissensorganisation und politischen Kommunikation auch über die eigene Einrichtung hinaus.

8. Technologien: Politische Bildung muss nicht nur in ihrer Gegenstandswahl, sondern auch in ihrer Arbeitsweise der Digitalisierung Rechnung tragen. Der Einsatz endgeräteunabhängiger Technologien ist zeitgemäß. In diesem Sinne muss politische Bildung selbst Kompetenzen entwickeln, Technologien für die eigene Arbeit zu adaptieren, jenseits kommerzieller Anbieter umzusetzen und lernen, sie in eigenen Räumen erfolgreich zu betreiben. Dafür braucht es Zeit und Raum, denn Kompetenzen müssen erworben und Technologien erkundet, erprobt und evaluiert werden. In vielen Projekten hat sich aber auch gezeigt, dass nicht alle Ziele mit den von den Teilnehmenden mitgebrachten Geräten erreicht werden können. Gerade im Bereich Film erzielt professionelle (und leider teure) Technik noch immer wesentlich bessere Ergebnisse und bietet durch höhere Qualität mit nachhaltiger Wirkung.

9. Förderung: Für die erfolgreiche Entwicklung und Umsetzung innovativer Methoden, Formate und Veranstaltungen braucht es ein Umdenken in der Förderlandschaft. Die Regelförderlinien vieler Geldgeber bringen nicht die nötige Flexibilität für neue Methoden und Formate mit. Als Erfolg der Projektgruppe ist zu sehen, dass u. a. das Barcamp als Format der politischen Bildung anerkannt wurde.

Foto: Quelle Pixabay


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